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Maserati Ghibli: Fahrbericht und Test

Blauer Maserati-Sportwagen auf Landstraße mit grünen Hügeln und bewölktem Himmel im Hintergrund.

Positionierung und Varianten

Dass Maserati erst nach 99 Jahren den Schritt in die knallhart umkämpfte obere Mittelklasse wagt, ist schon bemerkenswert. Mit ehrgeizigen Wachstumszielen – 50.000 Autos pro Jahr bis 2015 – soll der Ghibli den Hersteller mutig aus der kultigen Nische in Richtung Mainstream führen. Die eigentliche Frage: Interessiert das die Fahrerinnen und Fahrer von BMW, Audi, Jaguar oder Mercedes überhaupt – oder braucht der Ghibli einen mediterranen Jedi-Gedankentrick, um sie umzustimmen?

Für Grossbritannien sind drei Ausführungen vorgesehen: ein 3,0-Liter-V6-Turbodiesel mit 272bhp sowie zwei 3,0-Liter-V6-Benziner mit einfacher beziehungsweise doppelter Turboaufladung, die 325bhp und 404bhp leisten. Der Diesel für £48,830 sieht sich klar im Revier der klassischen Dienstwagen: Er ist schwächer, aber teurer als etwa Audis hervorragender Biturbo-V6. Zudem dürfte das von VM Motori mitentwickelte Aggregat nur so lange im Programm bleiben, bis Maserati einen kräftigeren Twin-Turbo nachlegt (voraussichtlich taucht der 2016 auf). Trotzdem sind 443lb ft ab 2000rpm (rund 600Nm) im Alltag sehr willkommen – und zusammen mit 50:50-Gewichtsverteilung, einem mechanischen Sperrdifferenzial (als einziges Auto seiner Klasse so ausgestattet) und einem wirklich starken Fahrwerk ergibt das ein Paket, das dem berühmten Emblem gerecht wird.

Fahreindruck auf der Strasse

Die hydraulische Lenkung überrascht mit sattem, kräftigem Gefühl. Das Achtgang-Automatikgetriebe von ZF mit Schaltwippen reagiert gewohnt seidig und schnell. Beim Komfort gibt es Einschränkungen: Das Fahrwerk – vorne Doppelquerlenker, hinten Mehrlenker, serienmässig passiv gedämpft und optional mit adaptivem „Skyhook“-Setup – kann auf schlechten Belägen etwas nervös wirken, bleibt insgesamt aber überzeugend.

Mit 1835kg ist der Ghibli kaum leichter als die grosse QP, obwohl beim Aufbau Stahl und Aluminium kombiniert werden. Im Alltag fühlt er sich oft eher massig an, besonders als Diesel, auch wenn die Karosseriekontrolle beeindruckend ist. Für den Sprint auf 60mph (96km/h) braucht er etwas mehr als sechs Sekunden, und Maserati nennt 48mpg als Gesamtverbrauch (etwa 5,9l/100km). Klar ist allerdings: Wenn man ihn wirklich fordert, schrumpft dieser Wert sehr schnell.

Der Basismotor unter den Benzinern wirkt als Gesamtpaket harmonischer – und erwartungsgemäss eher wie ein „richtiger“ Maserati. Er verlangt stärker nach Drehzahl und klingt so kernig und lebendig, wie man es von italienischen Autos kennt; dafür setzt der Ghibli auf Sound-Aktuatoren und eine Abgasklappe für den vollen Pavarotti-Effekt. Unterm Strich macht er mehr Spass – sowohl hinter dem Lenkrad als auch drum herum.

Der bei der Markteinführung gefahrene 404bhp starke Ghibli S war die allradgetriebene Q4-Variante, die nicht nach Grossbritannien kommen wird, zeigt aber deutlich, dass das Chassis mit deutlich mehr Leistung zurechtkommt. Er ist grossartig unterhaltsam und dürfte als Hecktriebler, wenn er hierzulande gegen Jahresende ankommt, noch reizvoller sein – allerdings zu einem saftigen Preis von £63,415.

Innenraum und Alltag

Auch der Innenraum überzeugt grösstenteils – er wirkt wertiger und deutlich weniger protzig als im Quattroporte. In den Türen sitzt rahmenloses Glas, die Ledersitze sehen hervorragend aus, und in der Mitte des Armaturenbretts thront eine Maserati-Uhr. Optional gibt es ein beeindruckendes 1280w-Bowers-&-Wilkins-Audiosystem. Das Navigationssystem ist übersichtlich und leicht zu bedienen, und die Zwei-Zonen-Klimaautomatik bläst mit gefühlt orkanartiger Kraft.

Leder und Holz in den von mir gefahrenen Autos machten insgesamt einen sehr hochwertigen Eindruck. Weniger überzeugend sind die Grafiken des Touchscreen-Infotainments. Und der Gangwahlhebel ist in der Bedienung regelrecht unerquicklich, weil zwischen P, R und D keine klare, hilfreiche Abgrenzung zu finden ist. Dazu fällt der Platz im Fond etwas knapp aus.

Am Ende läuft alles auf eine simple Frage hinaus: Sollte man? Für sich betrachtet ist der Ghibli sehr verführerisch und absolut glaubwürdig. Der Diesel stösst 158g/km aus und liegt damit im 26 per cent company car tax banding – also dort, wo man landet, wenn man es nüchtern, messbar und zugleich nach Gefühl bewerten will. Aber lassen wir das kurz beiseite und stellen uns nur vor, man sagt auf die Frage nach dem eigenen Auto das Wort Maserati. Klingt gut, oder?

Die Zahlen
2987cc (2.987cm³), V6, RWD, 272bhp, 443lb ft (ca. 600Nm), 47.9mpg (ca. 5,9l/100km), 158g/km CO2, 0-62mph (0–100km/h) 6.3 seconds, 155mph (ca. 249km/h), 1835kg, £48,830

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