Egal, wie man es drehte: Der alte Spur wirkte im Kern wie ein in die Länge gezogener Continental Coupé. Für echte Sportlichkeit war er zu gross, und als klassischer Gran Turismo fehlte ihm ein Quäntchen Gelassenheit und Grandezza. Beim neuen Modell fällt der „Conti“-Zusatz weg – es heisst nun schlicht Flying Spur – und Bentley verlagert den Schwerpunkt konsequent von den Vordersitzen nach hinten. Genau dort werden die meisten Spur-Käufer Platz nehmen, besonders in China, wo ein Grossteil der Fahrzeuge landen dürfte. Die Verwandtschaft zum Continental ist weiterhin spürbar, doch sowohl technisch als auch optisch fällt der Abstand grösser aus als bisher. Er ist nicht so monumental und kostspielig wie der riesige Mulsanne, dennoch sieht Bentley ihn klar oberhalb der üblichen deutschen Luxus-Limousinen.
Im Fond des Bentley Flying Spur: Sitze, Bildschirme und Komfort
Am besten fängt man daher hinten an – denn dort hat sich spürbar etwas getan. Zunächst steht die Entscheidung an: zwei Einzelsitze im Fond oder eine dreisitzige Rückbank. Danach kommt die naheliegende Frage, ob man das Entertainment-Paket für den Fond bestellt – was man tun sollte. Es umfasst 10-Zoll-Bildschirme an den Rückseiten der Vordersitze, angebunden an das Bord-WLAN, plus einen ausfahrbaren Touchscreen-Controller. Der ist etwa smartphonegross und steuert praktisch alles: vom Wechseln des TV-Kanals über die Einstellung der beheizten/gekühlten/massierenden Fondsitze bis hin zur Anzeige der Instrumente, damit man Navigation und Tacho im Blick behalten kann.
Wer wirklich aus dem Vollen schöpfen will, setzt auch die ausklappbaren Picknicktische auf die Optionsliste. Darauf passt gerade so ein Laptop – oder vielleicht ein kleiner Teller samt Glas Champagner. Gekühlt wird Letzterer selbstverständlich in der optionalen Kühlbox hinter der Mittelarmlehne.
Und dann wären da noch die Ohren: Ein 1.100w-Naim-Soundsystem gibt es ebenfalls gegen Aufpreis, ist hier aber im Grunde Pflicht. Schon im alten Spur klang es stark; diesmal wirkt es noch präziser, weil dickes Doppelglas und ein weniger dröhnender Auspuff die Umgebungsgeräusche stärker dämpfen und den Klang in den Vordergrund rücken. Kühlbox und Verstärker knabbern zwar am Kofferraumvolumen, dennoch lassen sich in den verbleibenden Raum noch ein paar Golfbags schieben.
Fahrwerk und Charakter: mehr Ruhe, mehr Nachgiebigkeit
Mit all diesen Extras verschiebt sich auch das Selbstverständnis des Flying Spur. Der Vorgänger wollte uns mit Nachdruck weismachen, er sei jederzeit bereit für die sportliche Sonntagsrunde. Der neue gibt sich spürbar entspannter. Wie beim aktuellen Continental Coupé/Cabrio steht zwar keine komplett neue Plattform dahinter, wohl aber eine umfassend überarbeitete. Die Spurweite vorn ist gegenüber früher um 2cm gewachsen, hinten sogar um 3.5cm – das sorgt für einen satteren, selbstbewussteren Stand.
Weiterhin an Bord: Luftfederung. Allerdings fallen die Federn jetzt um 10-13 per cent weicher aus, die Fahrwerkslager sogar um 25-38 per cent. Unterm Strich bringt das jene Nachgiebigkeit, die dem letzten Auto ein Stück weit fehlte.
Das Fahrwerk bietet vier Programme: Comfort am einen Ende, Sport am anderen, dazwischen zwei Zwischenstufen. In der Einstellung Comfort werden die Aufbaubewegungen freier, ohne dass es schwammig wird. Sport strafft spürbar, ohne gleich unangenehm hart zu werden. Passt. Weniger überzeugend ist, dass man die Modi über das Infotainment bedienen muss – statt blind nach einem Schalter oder Knopf zu greifen, wandert der Blick zur Anzeige.
Trotzdem: Die neuen Abstimmungen lassen den Spur insgesamt ausgewogener wirken, vielleicht auch etwas bewusster in seinen Bewegungen. Und abgesehen von Momenten, in denen man auf den Bremsen steht oder ihn wirklich in eine enge Kurve zwingt, fühlt er sich erstaunlich selten wie ein 2.5-tonne-Auto an – vermutlich seine grösste fahrdynamische Leistung.
Antrieb: W12-Power und ein neues Automatikgetriebe
Gerade aus dem Stand zeigt sich das besonders. Der Motor – eine Weiterentwicklung von Bentleys 6.0-litre twin-turbo W12 – leistet nun 616bhp. Damit ist das der stärkste viertürige Bentley überhaupt, Mulsanne eingeschlossen. Der Spur schiebt mit kompromisslosem Nachdruck an und wirkt dabei fast wie von einer bodenständigen Urkraft getrieben: 0-62mph in 4.3secs.
Ebenfalls neu: Statt der alten Sechsgang-Automatik arbeitet jetzt die hervorragende ZF 8spd. Wie ein guter Butler erledigt sie ihren Dienst unauffällig und rund um die Uhr – man merkt kaum, dass sie da ist. Abgerundet wird das Datenblatt von einer Höchstgeschwindigkeit von 200mph.
Design: eigenständiger Auftritt statt Continental-Verlängerung
Optisch trägt der neue Spur ein deutlich mutigeres Gesicht als sein Vorgänger. Die typischen Bentley-Scheinwerfer wurden neu angeordnet: Das grössere Element sitzt nun aussen und rahmt die Front selbstbewusster. Dazu kommen breitere Kühlergrille, präziser gezogene Linien und schärfer definierte Kanten. Das Heck wirkt durch einen längeren, flacheren Kofferraumdeckel auffallend staatstragend (es erinnert uns tatsächlich an einen Bristol Blenheim). Abgerundet wird das Ganze von den „fliegenden“ B-Flügel-Luftauslässen.
Ziel war eine eigenständigere Identität – und auch wenn man sich zum Design seine eigene Meinung bilden wird, neigen wir dazu, das als gelungen zu bewerten. Präsenz hat er jedenfalls deutlich mehr als der letzte.
Preis und Konkurrenz: zwischen S-Klasse und Ghost
Und was kostet das? Für das Basismodell werden £140,900 fällig. Damit bewegt sich der Spur in einem recht einsamen Zwischenraum: teurer als die kostspieligsten Varianten der Mercedes S-Klasse, aber günstiger als der Einstieg in den Rolls Ghost. Diesen Platz füllt er allerdings mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit.
Nach dem, was wir vom neuen S gesehen haben, könnte er als reine Chauffeurs-Limousine sogar besser sein. Doch er wirkt nicht so wohlerzogen oder exklusiv wie ein Spur – und mit V12-Ausstattung rutscht er preislich aus seinem natürlichen Revier. Ein Ghost wiederum mag in vielen Regionen der Welt noch herrschaftlicher auftreten und ist teils sogar seltener, aber allein mit der Preisdifferenz könnte man sich ein oder zwei ordentliche sportliche Kompaktwagen kaufen (wir vermuten, dass dieser Gedanke für uns Briten relevanter ist als für einen Pekinger Börsenmakler).
Bleibt eine Sorge: Beim Luxus hätte Bentley vielleicht noch mutiger werden können. Die Kopfstützen dürften gerne etwas weicher sein, um wohlhabende Köpfe besser zu betten. Und wie wäre es mit noch flauschigerem Teppich, auf dem frisch polierte Budapester stehen können? Am Ende ist es dennoch ein überwiegend handgefertigter Bentley, voll mit erstklassigem Leder und Holz – und er fühlt sich besonders genug an, um diesen Preis zu rechtfertigen. Hätte man uns vor ein paar Jahren gefragt, hätten wir gesagt: Spar auf einen Rolls. Heute? Wir würden deutlich länger nachdenken. Das ist ein wirklich kultiviertes Auto – ganz gleich, ob man selbst fährt oder nicht.
Dan Read
Die Zahlen
5998cc, W12, AWD, 616bhp, 590lb ft, 19.2mpg, 343g/km CO2, 0-62mph in 4.3secs, 200mph, 2475kg
Das Urteil
Der neue Spur wirkt deutlich selbstbewusster als der letzte. Aber selbst fahren oder gefahren werden? Das ist hier die Frage.
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