Forschende haben nahe dem Hafen von Ptolemais - einer antiken griechischen Stadt im heutigen Nordosten Libyens - ein über 100 Meter langes Feld aus Trümmern antiker Schiffwracks nachgewiesen. Der Befund macht deutlich, dass auf derselben Küstenroute gleich mehrere Schiffe verloren gingen.
Damit erscheint der Hafen weniger als Ort eines einzelnen Unglücks, sondern als wiederkehrende Gefahrenzone, die über lange Zeit prägte, wie Schiffe die Stadt überhaupt erreichen konnten.
Wo Schiffe zerbrachen
Unmittelbar vor der östlichen Hafenzufahrt zieht sich über eine flache Felsformation eine dichte Spur aus zerbrochenen Schiffsplanken und verstreuten Ladungsresten - genau dort, wo sich antike Schiffe hindurchmanövrieren mussten.
Ausgehend von diesem Trümmerfeld dokumentierte Dr. Piotr Jaworski von der Fakultät für Archäologie der Universität Warschau Hinweise darauf, dass nicht ein einzelnes Schiff, sondern mehrere Fahrzeuge auf dieser Ansteuerung zerstört wurden.
Dass sich das Wrackmaterial ohne Unterbrechung über mehr als 100 Meter verteilt, spricht für wiederholte Verluste statt eines einmaligen Ereignisses.
Dieses Muster weist auf ein dauerhaftes Navigationsrisiko hin - und damit auf die Frage, welche Bedingungen diesen Küstenabschnitt so gefährlich machten.
Fracht im Sand
Zu den Funden zählen Amphoren, hohe Tonbehälter mit schmalem Hals, die in der Antike für den Transport von Waren dienten. Sie lagen vermischt mit Bauteilen der Schiffe sowie weiteren zerbrochenen Ladungsstücken.
Ein bronzenes Äquipodium, also ein Gegengewicht einer römischen Waage, deutet darauf hin, dass der Handel hier mit genau abgewogenen Gütern arbeitete.
Ein Gefäss könnte sogar kristallisierten Wein enthalten - ein Rückstand, der chemische Spuren dessen bewahren kann, was Händler einst transportierten.
Ob diese Vermutung zutrifft, sollen Laboranalysen klären; doch selbst unsichere Frachtfunde zeigen, dass der Hafen eine tatsächlich aktive Handelsstadt versorgte.
Warum der Hafen versank
Bevor das Wrackband sichtbar wurde, hatte das Team bereits rund 5,5 Kilometer (3,4 Meilen) Küstenlinie im Umfeld des Hafens kartiert.
Mithilfe von Sonar, Tiefenmessungen und Drohnenaufnahmen wurden Kaimauern und ein Wellenbrecher erfasst, die heute unter dem aktuellen Wasserspiegel liegen.
Diese älteren Kartierungen erklären mit, weshalb in der Nähe des neuen Wrackfelds immer wieder Säulen, Anker und Sondierungen des Meeresbodens auftauchen.
Die wiederholten Schiffsverluste passen zu einem Hafen, der stark genutzt blieb, selbst während steigendes Wasser und Erdbeben seine Ränder veränderten.
Ptolemais als bedeutender Hafen
Hinter dieser Gefahrenstelle lag Ptolemais, eine grosse griechische Hafenstadt in der Kyrenaika, im heutigen Nordosten Libyens.
Gegründet wurde sie im 3. Jahrhundert v. Chr. von ptolemäischen Herrschern; genutzt blieb der Ort bis zur arabischen Eroberung, also noch viele Jahrhunderte.
In der Spätantike, zur römischen Zeit, entwickelte sich die Stadt zur Hauptstadt von Libya Superior, einer römischen Provinz im Gebiet des heutigen Ostlibyens - was die Bedeutung ihres Hafens zusätzlich steigerte.
Starker Schiffsverkehr hätte zwangsläufig auch das Risiko erhöht, besonders dort, wo einlaufende Schiffe eine durch Schäden veränderte Küstenlinie passieren mussten.
Arbeiten auf der Akropolis gingen weiter
Parallel zu den Untersuchungen an der Küste arbeitete ein weiteres Team auf der Akropolis - dem befestigten Höhenzug oberhalb des Hafens.
Dort erstellten Vermessungsfachleute eine neue, hochgenaue Karte, die Hafen, Unterstadt und Plateau enger miteinander verknüpft als zuvor.
Geologinnen und Geologen verfolgten zudem Herkunftsstellen von Stein und Ton, was zeigen kann, woher Baumaterial für Mauern, Lampen und Keramik stammte.
Diese landseitigen Daten helfen, die versunkenen Überreste mit den Menschen, Werkstätten und Verteidigungsanlagen zu verbinden, die einst auf sie hinabblickten.
Früherer Wohlstand blieb sichtbar
Noch bevor das Wrackband entdeckt wurde, hatten Ausgrabungen bereits Wohnhäuser freigelegt, die den Reichtum der Stadt eindrücklich belegen.
Besonders hervor trat das Haus des Leukaktios, dessen Mosaike und Wandmalereien Wohlstand und Stilbewusstsein signalisierten.
Ein in der Nähe gefundener Hort römischer Münzen lieferte einen weiteren Hinweis, denn Münzen können Aktivitäten datieren und nachvollziehbar machen, wie sich Reichtum bewegte.
Zusammen mit den Hafenfunden lassen diese älteren Entdeckungen Ptolemais weniger als isolierte Ruine erscheinen, sondern als funktionierende Stadt.
Forschung nach dem Krieg
Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs musste die Feldarbeit eingestellt werden; mehr als ein Jahrzehnt lang war Forschung in Ptolemais nicht möglich.
Als die Arbeiten wieder aufgenommen werden konnten, kehrten polnische Fachleute gemeinsam mit libyschen Archäologinnen, Archäologen und Restauratorinnen sowie Restauratoren zurück - an Standorten im Hafen, am Hang und in Museumsbereichen.
Bis 2026 umfasste dieses Engagement 25 Jahre polnischer archäologischer Arbeit in Libyen, obwohl weite Teile von Ptolemais weiterhin unberührt blieben.
Die lange Unterbrechung hinterliess eine doppelte Aufgabe: verlorene Zeit aufholen, empfindliche Funde sichern und zugleich neue Fragestellungen eröffnen.
Warum Erhaltung wichtig ist
Ptolemais ist wissenschaftlich besonders wertvoll, weil auf demselben Raum noch aussergewöhnlich viel erhalten ist - vom Hafen bis hinauf zum Plateau.
An vielen antiken Hafenplätzen löschen spätere Überbauungen die Verbindungen zwischen Wasserzugang, Strassennetz, Werkstätten und Wohnbereichen, die einst zusammenwirkten.
Hier können Forschende den Unterwasserzugang weiterhin mit den oberen Stadtquartieren vergleichen, statt Zusammenhänge nur aus Einzelstücken zu rekonstruieren.
Gerade diese seltene Kontinuität erklärt, weshalb ein Wrackfeld vor der Küste das Verständnis der gesamten Siedlung verändern kann.
Was verborgen bleibt
Das Wrackband ist bislang nur teilweise ausgewertet, weil die Untersuchungen der Ladungen noch nicht abgeschlossen sind.
Rückstände in Gefässen, zerbrochene Transportwaren und Bauteile der Schiffe könnten die Datierung eingrenzen und zeigen, welche Routen den Hafen versorgten.
„Das ist auch ein guter Ausgangspunkt für eine langfristige Unterwasserforschung in Ptolemais“, sagte Jaworski.
Für eine Stadt, in der noch so viel im Boden oder unter Wasser liegt, könnte ausgerechnet eine gefährliche Ansteuerung zum Leitfaden jahrelanger Grabungen werden.
Was als Nächstes folgt
Vor Ptolemais liegt damit nicht bloss eine Ansammlung zerstörter Rümpfe, sondern ein Schnittpunkt von Handel, Geologie und Stadtgeschichte.
Wenn Befunde an Land und unter Wasser gemeinsam gelesen werden, kann die Stadt zeigen, wie sich Bewegung, Risiko und Wohlstand in der Antike gegenseitig beeinflussten.
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