Den negativen Beigeschmack der rund einjährigen Verzögerung beim Start des neuen Audi Q6 e-tron lässt sich kaum wegdiskutieren.
Selbst wenn die Marke aus Ingolstadt sehr offensiv verkündet, dieses Modell läute – so der eigene Anspruch – die „größte Produktoffensive ihrer Geschichte“ ein und solle dafür sorgen, dass die jährlichen Verkäufe wieder über zwei Millionen Fahrzeuge steigen.
Wirklich gravierender fallen die „Schäden“ durch den späten Marktstart nur deshalb nicht aus, weil die Konkurrenz in diesem Segment bislang ebenfalls nicht glänzt: Bei BMW steht im Grunde nur der iX3 bereit, also eine „chinesische“ Variante des X3 auf Verbrenner-Basis; und auch Mercedes-Benz wirkt nicht überzeugender. Denn der EQC ist technisch betrachtet ein elektrischer GLC auf einer ursprünglich für Verbrennung ausgelegten Plattform – mit Nachteilen bei Nutzwert und Innenraum.
Tesla hat die Lücke dagegen konsequent genutzt – das Model Y war 2023 das meistverkaufte Auto Europas –, und das ohne Zweifel. Die US-Marke führte die Verkaufslisten sogar auf „feindlichem Terrain“ an, sprich: auf dem deutschen Markt.
Optimierte Proportionen
Beim ersten Rundgang um den neuen Q6 e-tron fallen sofort zwei Punkte ins Auge: die sehr kurzen Karosserieüberhänge und die kraftvolle Linienführung im hinteren seitlichen Bereich. Gerade dieses muskulöse Heckprofil kann die Meinungen über die Optik spalten (beim Q4 e-tron war das Motiv bereits zu sehen, hier tritt es jedoch deutlich stärker hervor).
Dazu kommen einige gestalterische Kniffe, um die Proportionen stimmiger wirken zu lassen. Ein Beispiel ist das glänzend schwarze Seitenband, das zwischen den Rädern tiefer positioniert ist und optisch die wahrgenommene Höhe des Q6 e-tron reduzieren soll. Damit das Fahrzeug nicht zu schmal und zu hoch wirkt, haben die Designer die hinteren Schultern bewusst etwas „überzeichnet“ – ein Eingriff, der in seiner Wirkung offenbar eher auf Zustimmung stößt.
Es werde Licht!
Ganz Audi-typisch wird das Thema Lichttechnik weiter massiv vorangetrieben – und mit den neuesten OLED-Möglichkeiten setzt die Marke mit den vier Ringen erneut Akzente. Ein anschauliches Beispiel: Beim Matrix-LED-Licht kann der Fahrer zwischen acht unterschiedlichen Tagfahrlicht-Signaturen wählen.
Am Heck gehen die Audi-Lichtingenieure besonders weit: In jeder Leuchte sitzen OLED-Panels mit jeweils 360 Segmenten. Neben dem inszenierten Look geht es vor allem um Kommunikation nach außen – andere Verkehrsteilnehmer sollen auf potenzielle Gefahren aufmerksam gemacht werden, die vor dem Q6 liegen.
Wird das Warnlicht aktiviert, erscheint in den Leuchten ein rotes Dreieck. Öffnet sich eine Tür und das System erkennt etwa einen herannahenden Radfahrer, wird ebenfalls ein Dreieck als Gefahrenhinweis eingeblendet. Und wenn der neue Q6 e-tron selbstständig einparkt, wird auch dieses autonome Manöver wiederum nach außen visuell signalisiert.
“Wir sind sehr stolz auf das, was wir mit der Außenbeleuchtung erreicht haben – mit Funktionen, die es derzeit in keinem anderen Auto einer anderen Marke gibt.”
Stefan Berlitz, Leiter der Lichtentwicklung bei Audi
Unabhängig davon, ob einem der Effekt optisch gefällt oder nicht: Als Kommunikationsmittel mit der Umgebung ist das Konzept plausibel – und kann helfen, Zwischenfälle und Unfälle zu verhindern, die im Alltag sehr häufig passieren.
Damit die Lichteffekte andere Verkehrsteilnehmer nicht stören, wurden gezielte Maßnahmen getroffen. So erzeugt ein spezieller Algorithmus alle 10 Millisekunden ein neues Bild beziehungsweise Muster: „Jedes der 360 Segmente (60 pro OLED-Panel) wird einzeln angesteuert und über eine gleichmäßige Bewegung aktiviert. Das stellt sicher, dass stets die gesetzlich vorgeschriebene Lichtintensität erreicht wird“, erläutert Berlitz.
Gebogene Displays feiern Premiere
Im Innenraum folgt Audi nun ebenfalls dem Trend zu gebogenen Bildschirmen. Das Kombiinstrument misst 11,9” in der Diagonale, der zentrale Infotainment-Bildschirm kommt auf 14,5”. Neu ist außerdem ein Display vor dem Beifahrer mit 10,9”.
Man erkennt, dass Technologiefunktionen zwischen einem oder mehreren Displays „wandern“ können. Ebenfalls auffällig ist das hohe Niveau des Head-up-Displays – sowohl bei Grafik als auch bei Helligkeit und Inhalten, insbesondere durch Augmented Reality. Informationen werden dabei so auf die Straße projiziert, als stammten sie von einem riesigen 88”-Bildschirm.
Anders als die „Cousins“ von Porsche und Volkswagen, die den Getriebewählschalter von der Mittelkonsole auf das Armaturenbrett verlegt haben – und damit den Bereich zwischen den beiden Vordersitzen freiräumen –, hält Audi am klassischen Platz fest.
Das Infotainment-Betriebssystem basiert auf der E3-Architektur und der Software-Version 1.2 der PPE-Plattform. Gerade diese komplexe Entwicklung war auch der Grund für die Verzögerung von fast zwei Jahren beim Marktstart sowohl des Audi Q6 e-tron als auch des elektrischen Porsche Macan. Audi- und Porsche-Ingenieure zeigen sich nun überzeugt, dass die Probleme behoben sind – und dass die zusätzliche Zeit genutzt wurde, um weitere Funktionen zu integrieren, etwa Drittanbieter-Apps im Software-Umfeld.
Beim Platzangebot im Q6 e-tron (4,77 m Länge) ist alles darauf ausgelegt, bis zu fünf Erwachsene bequem unterzubringen – auch, weil es in der zweiten Reihe keinen störenden Mitteltunnel im Boden gibt.
Der Kofferraum fasst 526 Liter. Werden die Rücksitzlehnen umgeklappt, wächst das Volumen auf 1529 Liter. Zusätzlich gibt es vorn unter der Haube noch einen kleinen zweiten Stauraum (64 Liter).
Wie der „Cousin“ Macan
Wenig überraschend liegen die technischen Eckdaten des Audi Q6 e-tron sehr nahe an denen des Porsche Macan, mit dem er sich die Basis teilt. Die Batterie kommt auf 100 kWh (94,9 kWh nutzbar). Einige Monate später soll zudem eine zweite, kleinere Batterie mit einer Gesamtkapazität von 83 kWh folgen.
Dank 800-V-System kann der neue Q6 e-tron an ultraschnellen Ladepunkten bis zu 270 kW aufnehmen. Außerdem ermöglicht die Technologie, die Batterie in zwei Teile zu splitten: So kann der Elektro-SUV auch an 400-V-Stationen geladen werden – mit bis zu 135 kW je Teil.
Weniger nachvollziehbar ist, dass ein Elektro-SUV einer Premium-Marke aktuell beim AC-Laden nur 11 kW akzeptiert (das gilt ebenso für den Porsche Macan). AC-Laden mit 22 kW soll später nachgereicht werden – allerdings als Option.
Wann kommt er?
Der Verkaufsstart ist für diesen Sommer geplant, zunächst in zwei Varianten. Der Q6 e-tron mit 285 kW (387 PS) soll rund 80 Euro kosten und eine Reichweite von 625 km ermöglichen. Der Allradantrieb wird vorn von einem ASM-Elektromotor (Asynchronmotor) und hinten von einem PSM (Synchronmotor) realisiert.
Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 210 km/h; von 0 auf 100 km/h geht es in 5,9 s – trotz eines Gewichts von 2,35 Tonnen.
Als zweite Ausführung folgt der sportlichere SQ6 e-tron, preislich bereits nahe an 100 Euro. Er beschleunigt in 4,3 s auf 100 km/h und erreicht 230 km/h. Die maximale Leistung beträgt 360 kW (490 PS) und kann mit Launch Control auf 380 kW (517 PS) steigen. Die Reichweite fällt etwas geringer aus und liegt bei etwa 598 km.
Leistungsmäßig bleibt man damit leicht unter dem Porsche Macan – die Hierarchie soll schließlich gewahrt bleiben –, doch die Modellpalette des neuen Audi Q6 e-tron soll weiter wachsen. Geplant sind Versionen mit zwei angetriebenen Rädern (Heckantrieb) mit Reichweiten zwischen 650 km und 700 km sowie am anderen Ende eine nochmals sportlichere RS-Variante.
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