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Fahrbericht: Mercedes SL65 AMG – sanft und brutal

Silbergraues Mercedes-Benz Cabrio fährt auf einer Landstraße mit herbstlichem Waldrand im Hintergrund.

Mercedes SL65 AMG: Zwei Gesichter auf einer Fahrt

Du gleitest in diesem weichen Cruiser dahin. Aus dem Auspuff kommt nur ein fernes Grollen, der Motor summt beinahe unhörbar, und das Getriebe schiebt unaufgeregt durch die Fahrstufen – ohne dass du irgendetwas tun musst. Sitze und Federung fühlen sich angenehm plüschig an.

Und dann … und dann, meine Güte: Was war das gerade? Plötzlich wirst du in ein Paralleluniversum katapultiert. Dieses Auto ist nicht einfach nur schnell, sondern brachial stark. Vorausgesetzt (und das ist ein grosses „wenn“), die Hinterräder finden Traktion, schleudert es dich mit verächtlicher Giftigkeit nach vorn.

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Antrieb, Leistung und Traktion

Spätestens jetzt denkst du vermutlich, ich sei nicht ganz bei Trost. Schliesslich: Was habe ich bei einem Biturbo-V12-Sportwagen mit 630 bhp (ca. 639 PS) und 737 lb ft (etwa 999 Nm) erwartet – einen behäbigen Brocken? Natürlich nicht. Dass er glühend schnell sein würde, war klar. Und ja: Wenn du das Gaspedal durchtrittst, stellt er deine Welt auf den Kopf.

Bei mir flackerte die Lampe der Traktionskontrolle wieder und wieder. Bei 80 mph (rund 129 km/h). Geradeaus. Auf trockener Fahrbahn.

Sobald der SL65 wirklich frei atmen kann, stehen auf dem Tacho wahrscheinlich längst Autobahnwerte. Kaum vorstellbar, wie kurz das Zeitfenster ist, um etwa von 100–150 mph (ca. 161–241 km/h) zu springen.

Warum die Brutalität so überraschend ist

Genau diese gnadenlose Geschwindigkeit trifft dich so unerwartet, weil dich der Wagen zuvor in falscher Sicherheit wiegt: Meistens ist er nämlich tatsächlich sanft und leise. Ein neuer Pagani verwendet ebenfalls einen Biturbo-AMG-V12 – und lässt dich seine Animalität keine Sekunde vergessen. Der SL65 dagegen bleibt stoisch. Er heult nicht wie der Pagani, und er rumort und brüllt auch nicht wie AMGs Turbo-V8-Roadster, der SL63 und der SLS.

Auch die Gangwechsel wirken nicht messerscharf, denn hier arbeitet eine klassische Wandlerautomatik – nicht die automatisierte Kupplungsbox des SL63 und auch nicht die DCT-Automatik (Doppelkupplungsgetriebe) des SLS.

Und der Fahrkomfort ist vergleichsweise nachsichtig, weil das clevere Active-Body-Control-Fahrwerk die Karosserie im Griff hat.

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Fahrwerk, Lenkung und der richtige Einsatz

Dasselbe Fahrwerk sorgt ausserdem dafür, dass sich der Wagen praktisch nicht neigt. In langsamen Kurven wirkt er überzeugend handlich, und bei Tempo bleibt er stabil. Ehrlich gesagt fährt man ihn nur selten so – weil Lenkung und Fahrwerk dir dafür kaum irgendeine Rückmeldung geben. Versucht man, ihn durch eine Folge unterschiedlich schneller Kurven zu jagen, wird das Ganze zu einer ruckeligen, seelenlosen Angelegenheit.

Also lieber Tempo rausnehmen und gleiten lassen. Den milden Fahrtwind geniessen, den einhüllenden Komfort, das volle Arsenal an Mercedes-Assistenz- und Elektronik-Komfortfunktionen.

Und dann – nur ab und zu – entdeckst du irgendwo da vorn einen freien Korridor, ein SL-grosses Loch am fernen Horizont. Anspannen. Vollgas. Und du bist deutlich früher dort, als du es je für möglich gehalten hättest. Ist dieses ultrakurze Ereignis £168,250 wert? Für eine sehr kleine, aber extrem loyale Gruppe lautet die Antwort ohne jeden Zweifel: ja.

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