Gleichermassen polarisierend, missverstanden und stellenweise spektakulär: So lässt sich der Mercedes-Benz SLR McLaren auch in dem Jahr beschreiben, in dem er sein 20. Jubiläum feiert (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels).
Sein Auftritt wirkt noch immer genauso dramatisch – meiner Ansicht nach hart an der Grenze zur Karikatur. Gleichzeitig bleibt der 5.5 V8 Kompressor von AMG ein episches Triebwerk. Und doch bleiben die fahrdynamischen Qualitäten… fragwürdig, vor allem im direkten Vergleich mit damaligen Zeitgenossen wie Ferrari Enzo, Pagani Zonda, Porsche Carrera GT oder sogar dem bewusst überzogenen Bugatti Veyron.
Der SLR stand damals wie heute irgendwie zwischen den Welten. Einerseits war er ein exotisch aufgebauter Supersportwagen mit Kohlefaserstruktur. Andererseits sass der Motor vorn wie bei einem klassischen GT – wenn auch rund einen halben Meter hinter der Vorderachse. Nur: Als GT überzeugte er zu wenig, weil er für diese Rolle schlicht zu hardcore war.
Zusammen mit einem Preis, der schon als Neuwagen als überzogen galt – ja, selbst ein Supersportwagen kann zu teuer sein –, tat das dem SLR keinen Gefallen. Von den ursprünglich geplanten 3500 Exemplaren baute McLaren am Ende lediglich 2157. Ein Erfolg in der erwarteten Grössenordnung war das definitiv nicht.
20 Jahre später wird der Mercedes-Benz SLR McLaren deshalb noch immer eher für seine Schwächen erinnert als für seine Stärken.
McLaren, der zweite Akt
Rückblickend überrascht das Endergebnis des Projekts, aus dem der SLR hervorging, umso mehr. Denn was sollte schon schiefgehen, wenn Mercedes-Benz und McLaren – die F1-Weltmeister von 1998 und 1999 – gemeinsam entwickeln und Gordon Murray (der „Vater“ des McLaren F1) die technische Leitung übernimmt?
Wie sich zeigte: eine Menge. Vor allem prallten die Leitprinzipien von Gordon Murray mit den Anforderungen von Mercedes-Benz aufeinander.
Bis heute gehört Murray zu den schärfsten Kritikern des SLR – es war das zweite und zugleich letzte Strassenauto, das er bei McLaren verantwortete.
Er bezeichnete den Wagen als ein Kompromissprodukt: zu schwer – über viele Jahre hinweg war es das schwerste Auto der Welt mit Kohlefaseraufbau –, dazu mit der falschen Grundkonfiguration (Frontmotor). Auch der Antriebsstrang bekam sein Fett weg: ein langsames und unpassendes Fünfgang-Automatikgetriebe. Und selbst der Innenraum war ihm zu luxuriös.
Trotzdem gelang es Murray, dem SLR eine anspruchsvolle Aerodynamik zu geben (Unterbodenverkleidung und aktive Elemente) und zugleich die Kohlefaserbauweise in Richtung höherer Stückzahlen weiterzuentwickeln (er machte deutlich gesteigerte Produktionsvolumina überhaupt erst praktikabel).
Gerade dieser Punkt erwies sich später als entscheidend für die Entstehung von McLaren Cars (heute McLaren Automotive): Die Carbon-Monocoques der Modelle wurden zu einem Kernmerkmal der Marke – von Beginn an.
Auch wenn der Mercedes-Benz SLR McLaren nicht der alleinige Auslöser war: Fakt ist, Gordon Murray verliess McLaren ein Jahr nach dem Marktstart des SLR, gründete später Gordon Murray Design… und der Rest ist Geschichte.
SLR hat sich nie aufgehört weiterzuentwickeln
Obwohl der SLR nie den Ruf des begehrtesten Modells genoss, hatte er stets leidenschaftliche Anhänger – egal ob als Besitzer oder Bewunderer. Und auch McLaren selbst liess seine Schöpfung nicht fallen, selbst nachdem die handwerkliche Fertigung des Supersportwagens im McLaren Technology Center in Woking 2010 endete.
Ebenfalls in diesem Jahr wurde McLaren Special Operations (MSO) gegründet – und der SLR stand kurz davor, eine Art zweites Leben zu bekommen.
Tatsächlich gehörte der SLR McLaren zu den ersten Projekten von MSO. Die Gelegenheit wurde genutzt, um einige der „falschen“ Dinge zu „richtigen“ zu machen. So entstand der McLaren Edition SLR, limitiert auf 25 Einheiten, der mit einer Reihe von Verbesserungen und Umbauten aufwartete.
Den Anfang machte eine überarbeitete Aerodynamik (neuer Splitter, seitliche Lufteinlässe, Heckflügel und Diffusor). Dazu kamen neue, leichtere Räder. Und vor allem wurden längst überfällige Anpassungen an Fahrwerk und Lenkung umgesetzt – genau die Punkte, die zuvor regelmässig kritisiert worden waren.
Doch MSO war noch nicht am Ziel – es gibt immer Luft nach oben… 2019 nahm man sich den SLR erneut vor und brachte den SLR McLaren by MSO. Im Vergleich zum McLaren Edition SLR trat er „dezenter“ auf, erhielt aber ein neues Aerodynamikpaket und verlor sogar ein paar Kilogramm. Gleichzeitig wurde der Innenraum mit neuen, hochwertigeren Verkleidungen aufgewertet. Dabei blieb es nicht…
2022, 12 Jahre nach dem Produktionsende, legte MSO noch einmal nach: mit dem SLR McLaren HDK (High Downforce Kit) – zweifellos der extravaganteste dieser „neuen“ SLR.
Im Kern handelte es sich um eine Umrüstung des Strassen-SLR, die ihn optisch identisch zum Rennwagen SLR 722 GT machen sollte. Ein Ansatz, der bereits unsere Aufmerksamkeit erhalten hat:
Für immer unterschätzt und unterbewertet?
Trotz des Engagements von McLaren und der Hingabe vieler Eigentümer bleibt der SLR in mehreren Dimensionen unterbewertet. Ein Blick auf die Marktpreise genügt.
Während Enzo, Zonda und Carrera GT heute zu siebenstelligen Beträgen gehandelt werden, liegt der SLR bei einigen Hunderttausend Euro (zwischen 290 mil und 815 mil euros)… ein „Schnäppchen“ im Vergleich zu seinen Zeitgenossen.
Wird sich die Anerkennung – ob monetär, historisch oder symbolisch – für den „Sportwagen von Mercedes-Benz, der «durch den Stern atmete»“ (wie Guilherme Costa ihn so treffend definierte) noch auf ein neues Niveau entwickeln?
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